Zum Inhalt springen
Kostenlos starten
Altersgruppe
9–10 Jahre
Sprache
Deutsch
Buchdetails
35 Seiten
Kapitelliste und Aufbau
7 Kapitel
Format
Nur Text

Inhalte passend für jede Altersgruppe

Beispielbuch

Jonas und der Regenmesser

Zusammenfassung der Geschichte

Eine Woche lang messen Jonas und Mia auf dem Balkon den Regen; als das angekündigte Gewitter woanders niedergeht, bleibt ihnen eine ehrliche Null.

Kostenloses erstes Kapitel

Die Plastikflasche

Die Schere blieb am Plastik hängen und rutschte dann ab. Jonas schnitt den oberen Teil der Flasche ab und drehte ihn um. Das abgeschnittene Stück steckte er wie einen Trichter in das untere.

Der Küchentisch war mit Zeitungspapier ausgelegt. Seine Mutter hatte darauf bestanden, denn vom Projekt im letzten Monat war noch immer ein Klebefleck auf dem Tisch. Die Flasche war eine Zwei-Liter-Wasserflasche mit flachem Boden. Das Etikett hatte Jonas am Nachmittag abgezogen. Der klebrige Rest darunter blieb an seinen Fingern hängen und hob die Ecken der Zeitung an.

Die Hausaufgabe war einfach: eine Woche lang das Wetter aufschreiben. Frau Berger hatte es heute in großen Buchstaben an die Tafel geschrieben. Jedes Zweierteam sollte eine eigene Station bauen und jeden Tag ins Heft eintragen, was es gemessen hatte. Am nächsten Freitag sollten alle der Klasse davon erzählen. Wer mit Jonas zusammenarbeiten würde, stand noch nicht fest. Die Paare wollte Frau Berger morgen bekannt geben.

In der Klasse hatten alle gleichzeitig angefangen zu reden. Einer wollte eine Windrose bauen, eine andere wollte ein Thermometer mitbringen. Frau Berger hatte das Foto einer echten Wetterstation an die Wand geworfen. Darauf waren weiße Masten zu sehen, kleine Schalen und ein Metalleimer hoch über dem Boden. Jonas hatte am längsten auf diesen Eimer geschaut. Er hieß Regenmesser. Auf dem ganzen Heimweg war ihm dieser Eimer nicht aus dem Kopf gegangen.

Jonas drückte den Trichter noch etwas fester hinein. Das Plastik knackte und saß dann fest. Die Schnittkante war scharf und ritzte ihm leicht die Daumenspitze. Seine Mutter drehte die Herdplatte unter dem Teekessel herunter und kam zu ihm. Zusammen wickelten sie Kreppband um die Schnittkante, Runde um Runde.

„Jetzt sieht es weniger gefährlich aus“, sagte seine Mutter.

„Und weniger cool“, sagte Jonas.

Seine Mutter lachte und sagte nichts. In der Küche mischte sich der Duft von Tee mit dem scharfen Geruch von Plastik. Jonas hielt die Flasche mit beiden Händen und drehte sie. Der Trichter wackelte ein bisschen, aber er fiel nicht heraus.

Jonas dachte allerdings weniger an die Hausaufgabe als an eine einzige Zahl. Die Wetter-App auf dem Handy zeigte die kommende Woche Tag für Tag. Am Montag war eine kleine Sonne zu sehen, am Dienstag eine Wolke, am Mittwoch wieder eine Wolke. Über dem Donnerstag aber hing eine dicke lila Wolke. Darunter standen drei Blitze und in großen Ziffern „90 %“.

Jonas zog den Bildschirm nach unten und lud neu. Die Zahl blieb gleich. Er lud noch einmal neu, und noch einmal. Auch beim dritten Mal änderte sie sich nicht.

„Neunzig Prozent“, sagte er laut. „Fast sicher.“

Sein Vater rief aus dem Wohnzimmer: „Was ist fast sicher?“

„Am Donnerstag gibt es ein Gewitter. Meine Flasche wird randvoll.“

Sein Vater kam zur Küchentür und schob die Brille auf die Stirn. „Das ist eine Vorhersage für eine ganze Woche. Bis Donnerstag ziehen noch viele Wolken vorbei.“

„Aber neunzig Prozent.“

„Neunzig Prozent sind eine Vorhersage“, sagte sein Vater. „Der Himmel liest keine Apps.“

Jonas zuckte mit den Schultern. In seinem Kopf hatte der Vortrag längst begonnen. Er stand vor der Tafel und hielt eine randvolle Flasche in der Hand. Die Klasse war ganz still. Aus der letzten Reihe fragte jemand: „So viel hat es geregnet?“ Und Jonas nickte, ernst wie ein echter Wissenschaftler.

Er hob die Flasche hoch und hielt sie gegen die Küchenlampe. Das Licht ging durch das Plastik und warf einen zerknitterten Schatten auf die Zeitung. Innen war sie völlig leer. Egal. Am Donnerstag würde sie voll werden.

Und wenn das Gewitter die Flasche umwarf? Auch daran dachte Jonas. Er würde etwas Schweres an ihren Fuß legen. Ein paar Steine vielleicht, oder einen Sandsack. Dieses Problem hob er sich für später auf.

In der App tippte er auf den Donnerstag. Eine Liste Stunde für Stunde ging auf. Um drei Uhr nachmittags begann der Regen, um sechs Uhr abends hörte er auf. Neben dem Wind stand ein kleiner Pfeil, der nach Osten zeigte. Jonas sah sich den Pfeil nicht an. Sein Blick hing wieder an den neunzig Prozent.

Auf der Rückseite des Aufgabenblatts war eine Zeichnung. Eine aufgeschnittene Flasche, ein umgedrehter Trichter und daneben ein kerzengerades Lineal. Darunter standen zwei Zeilen in Frau Bergers runder Handschrift.

„Die Öffnung des Trichters soll genauso breit sein wie die Flasche selbst. Dann ist das Wasser in der Flasche genauso hoch wie der Regen, der auf den Boden fällt.“

Jonas las das zweimal. Beim ersten Mal verstand er nichts. Beim zweiten Mal legte er das Blatt neben die Flasche und sah sich die Zeichnung genau an.

Was wäre, wenn die Breite nicht gleich wäre, überlegte er. Ein breiter Trichter würde viel mehr Tropfen in eine schmale Flasche sammeln. Das Wasser in der Flasche würde schnell steigen, auch wenn vom Himmel gleich viel Regen fiel. Dann würde die Zahl lügen. Bei dem Gedanken musste Jonas ein bisschen lachen. Auf so einen Trick kam bestimmt niemand. Der Trichter machte das Wasser nicht mehr. Er sammelte nur die fallenden Tropfen ein und ließ keinen entwischen. Solange Öffnung und Flasche gleich breit waren, wurde aus einem Millimeter Regen ein Millimeter Wasser in der Flasche. Er sah seine eigene Flasche an. Der Trichter war ihr eigener oberer Teil. Die Breite stimmte.

Aus der Schublade holte er Klebeband und sein dreißig Zentimeter langes Plastiklineal. Auf dem Lineal war ein alter Tintenfleck, genau neben der Fünfzehn. Er stellte das Lineal senkrecht neben die Flasche.

Das Ende des Klebestreifens rollte sich einmal ein und klebte an sich selbst fest. Jonas versuchte, es mit dem Fingernagel zu lösen, riss es ab und fing von vorn an. Beim zweiten Mal rollte es sich wieder ein. Beim dritten Mal blieb es glatt. Diesmal hielt er das Lineal ganz still und wickelte das Band dreimal um die Flasche.

Beim Kleben hielt er die Flasche in der Luft. Das Lineal rutschte ein Stück nach unten und raschelte leise unter dem Band. Jonas prüfte, ob das Band glatt lag. Es lag glatt, und es gab auch keine Blasen.

Als er die Flasche auf den Tisch stellte, kippte sie leicht zur Seite. Jonas schob das auf die Dicke des Klebebands. Er klemmte eine gefaltete Serviette darunter, und die Flasche stand gerade.

Die Zahlen des Lineals kletterten jetzt neben der Flasche nach oben. Ein, zwei, drei Zentimeter. Zwischen jedem Zentimeter lagen zehn feine Striche. Jonas beugte sich zu den untersten Strichen hinunter. Ein Millimeter war fast nichts. Nicht einmal so lang wie eine Ameise. Wie viele dieser Striche würden am Donnerstag unter Wasser stehen, fragte er sich.

Dann stellte er die Flasche in die Mitte des Tisches und setzte sich davor. Er verschränkte die Arme und betrachtete sie wie ein Ingenieur. Sie war ein bisschen schief und ein bisschen zerknittert. An einer Stelle hatte sich das Kreppband an der Schnittkante gewölbt. Aber Wasser würde sie halten.

Trotzdem wollte er sicher sein. Er füllte am Wasserhahn ein Glas und goss es langsam in den Trichter. Das Wasser drehte eine Runde im Trichter und plätscherte durch die enge Öffnung nach unten. Am Boden sammelte es sich und schwappte leicht hin und her. Jonas tastete die Flasche rundherum mit dem Finger ab. Nirgends tropfte etwas heraus. Die Zeitung darunter blieb knochentrocken.

„Wasserdicht“, sagte er zu seinem Vater.

Sein Vater nahm die Flasche, hielt sie ins Licht und drehte sie hin und her. „Saubere Arbeit“, sagte er und gab sie zurück.

Jonas kippte das Wasser ins Spülbecken. Er trocknete die Flasche innen mit einem Tuch aus, steckte den Zipfel in die enge Trichteröffnung und drehte ihn zweimal. Dann schlug er sein Heft auf. Ganz oben auf die erste Seite schrieb er „Wetterheft“. Darunter seinen eigenen Namen und daneben einen Strich. Über dem Strich blieb es leer. Dorthin würde morgen der Name seines Partners kommen.

Die Seiten des Hefts waren kariert. Jonas zählte die Kästchen und hörte dann wieder auf. Wie er die Seite einteilen würde, wollte er entscheiden, wenn die Station stand.

Sie räumten den Tisch auf. Die Zeitung falteten sie zusammen und warfen sie ins Altpapier. Die Plastikschnipsel, die gekringelten Etikettenreste und die ausgefransten Klebebandenden kamen mit. Der Küchentisch war wieder leer und glänzend. In seiner Mitte stand nur noch die Flasche.

Seine Mutter beugte sich zur Flasche hinunter und sah sich das Lineal an. Sie tippte mit dem Finger auf sein unteres Ende, auf Höhe der Serviette. „Hier ist die Null“, sagte sie.

„Lineale fangen bei null an“, sagte Jonas und lachte. Seine Mutter lachte auch und ging die Teegläser einsammeln.

Jonas drehte die Flasche noch einmal. Von hinten sahen die Zahlen auf dem Lineal verkehrt aus, wie Schrift im Spiegel. Das gefiel ihm. Beim Vortrag würde er die Flasche immer so halten, dass die Zahlen zur Klasse zeigten.

Vor dem Schlafengehen trug Jonas die Flasche in sein Zimmer. Er stellte sie auf das Regal vor dem Fenster, neben seine Bücher. Die Serviette klemmte er wieder darunter.

Er schaute hinaus. Der Himmel war klar. Über dem Dach des Hauses gegenüber waren zwei Sterne zu erkennen, ein Stück weiter das blinkende Licht eines Flugzeugs. Die Straßenlaterne färbte den Gehweg gelb. Es ging überhaupt kein Wind. Die Blätter des Baums am Gehweg rührten sich nicht.

Jonas öffnete das Fenster einen Spalt. Kühle Luft strich ihm übers Gesicht. Es roch nicht nach nasser Erde, nur nach Abgasen und nach dem Brot aus der Bäckerei. Er machte das Fenster wieder zu.

Jonas schaltete das Handy noch einmal ein. Der Donnerstag war immer noch lila, immer noch neunzig Prozent. Er machte den Bildschirm aus, steckte das Handy ans Ladekabel und legte es mit dem Gesicht nach unten hin.

Die Flasche auf dem Regal schimmerte leicht im Licht der Straßenlaterne. Das Band an der Schnittkante des Trichters warf einen kleinen Schatten auf die Fensterscheibe. Die Zahlen auf dem Lineal konnte man im Dunkeln nicht lesen. Nur die weißen Striche waren schwach zu sehen, wie die Stufen einer Treppe.

Jonas zog die Sommerdecke bis ans Kinn. Aus der Küche summte die Spülmaschine, aus dem Wohnzimmer kam das Blättern im Buch seines Vaters. Ein Stockwerk höher fiel eine Tür ins Schloss, dann wurde es überall still. Morgen in der Schule würde er erfahren, wer sein Partner war. Am Montag würde er mit dem Messen anfangen. Und am Donnerstag würde die Flasche voll werden.

Er dachte an seine eigene Station. Bei echten Stationen stand der Eimer hoch über dem Boden, und ringsum war keine einzige Wand. Bei Jonas zu Hause gab es keinen Garten. Aber es gab einen Balkon. Eine Ecke des Balkons lag freier als die andere Seite des Hauses. Am Sonntag würde er sie sich ansehen.

Im Zimmer war es kühl. Die Heizkörper waren noch nicht an, der Oktober hatte gerade erst begonnen. Jonas rieb unter der Decke die Füße aneinander und wartete, bis sie warm wurden.

Einen Moment lang stellte er sich vor, wie sich die Flasche füllte. Das Wasser stieg langsam und deckte die Striche auf dem Lineal einen nach dem anderen zu. Dann wurde auch dieser Gedanke langsamer. Jonas drehte sich auf die Seite, das Gesicht zum Fenster, und ließ seinen Atem ruhiger werden, während er den schmalen Schatten der Flasche betrachtete.

Hat es Ihnen gefallen? Lesen Sie die Kapitel 2–7 kostenlos mit einem Konto.

Geschichtenkatalog 7 Tage kostenlos testen Für neue Konten. Beginnt, sobald Sie Ihre E-Mail-Adresse bestätigen. Keine Karte nötig: endet von selbst, wenn Sie keine hinzufügen.

Was dieses Buch vermittelt

Dieses Beispiel erarbeitet einen für seine Altersgruppe gewählten Entwicklungswert in sieben Kapiteln: erst Erkennen, dann konkrete Beispiele, eine kleine Entscheidung, ein Rückschlag und seine Wiedergutmachung, zum Schluss ein ruhiger Ausklang. Jedes Buch im Programm folgt derselben Form.

Der Plan der sieben Nächte

Jedes Kapitel ist eine Nacht und öffnet sich zur Stunde der Familie; eine verpasste Nacht verlängert die Woche, ein Kapitel geht nie verloren.

  1. 1KennenlernenWir lernen die Hauptfigur und die Idee der Woche kennen.
  2. 2Neue SeiteDie Idee zeigt eine neue Seite.
  3. 3AusprobierenDie Hauptfigur probiert die Idee auf ihre Weise.
  4. 4Zwei WegeEine Wahl oder ein anderer Blickwinkel.
  5. 5Kleiner RückschlagDer Plan klappt nicht; der Preis bleibt begrenzt, das Kapitel endet ruhig.
  6. 6WiedergutmachenEin Weg findet sich; um Hilfe bitten zählt auch.
  7. 7AnkommenDie Idee der Woche findet ihren Platz.

Platz im Lehrplan

Die Themen des Programms 9–10 Jahre kommen in fester Reihenfolge; dieses Buch zeigt, wie eine Woche darin aussieht. Die echte erste Woche und die Reihenfolge finden Sie auf der Programmseite.

Programm 9–10 Jahre ansehen

Zu Hause weitermachen

Drei Fragen für nach dem letzten Kapitel:

  • Was fiel dem Helden am schwersten? Was hättest du getan?
  • Ist dir heute etwas Ähnliches passiert?
  • Suchen wir morgen einen kleinen Moment, um das auszuprobieren?

Was ändert sich mit einer Mitgliedschaft?

Die Bücher werden jede Woche um Name, Helden und genaues Alter Ihres Kindes neu geschrieben, und das Programm geht der Reihe nach weiter. Dieses Beispiel zeigt nur die Form.

Pakete ansehen
Aufbau

Kapitelliste und Aufbau

  1. 01

    Kapitel 1

    Kostenlos — lesen
  2. 02

    Kapitel 2

    Zugang erforderlich

  3. 03

    Kapitel 3

    Zugang erforderlich

  4. 04

    Kapitel 4

    Zugang erforderlich

  5. 05

    Kapitel 5

    Zugang erforderlich

  6. 06

    Kapitel 6

    Zugang erforderlich

  7. 07

    Kapitel 7

    Zugang erforderlich

Online lesen, auf jedem Gerät

Katalogbücher öffnen sich im Nori-Tales-Reader, sobald Sie online sind. Ihre persönlichen Märchen können Sie außerdem für das Offline-Lesen auf dem Gerät speichern.

Die Version Ihres Kindes, jede Woche

Diese Leseprobe zeigt die Form; Ihr Abo schreibt jedes Buch mit dem Namen Ihres Kindes.

Cookies und Ihre Privatsphäre

Wir möchten Analyse- und Werbe-Cookies (Google Analytics und Meta) verwenden, um Ihre Erfahrung zu verbessern, die Nutzung der Website zu verstehen und unsere Anzeigen zu messen. Wenn Sie ablehnen, werden nur die für den Betrieb der Website erforderlichen Cookies verwendet.

Datenschutzerklärung